Geschichte

Was wäre passiert, wenn …

Es wird landläufig vermutet, dass sich die Menschheit »auf dem langen Weg der Geschichte« befinde oder gar vollends dem »Lauf der Dinge« unterworfen sei. Hierbei wird entweder von einem »Weltengeist« ausgegangen, der durch schicksalhafte Entscheidungen bedeutende Geschichte möglich macht oder aber nähert sich der Erkenntnis, dass Menschheitsgeschichte einer stetigen Vorwärtsentwicklung entspricht. Doch Historiker beurteilen die Geschichte als Suche nach Erkenntnissen, deren Grundlage Quellen sind, die Geschichte interpretierbar macht. Forscher sprechen von einer geschichtlichen Achterbahnfahrt oder gar von einer zyklischen, ewig gleichartigen Entwicklung der Menschen.

Virtuelle Geschichte

Alexander Demandt, bedeutender Althistoriker an der Freien Universität Berlin, bringt Spannung in die Debatte und stellt interessante Fragen: Was wäre denn zum Beispiel gewesen, wenn Adolf Hitler 1938 gestorben wäre? Demandt begibt sich mit dieser Fragestellung auf das Gebiet der kontrafaktischen (auch gern virtuell genannten) Geschichte. Dieser Gedankengang ist mitnichten unseriöse Spekulation, auch wenn diese Art der Vermutung Politikern oft als Rechtfertigung für zweifelhafte Maßnahmen dient. Schließlich behauptete zum Beispiel der US-Kriegsminister Henry L. Stimson der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki hätte vielen tausend amerikanischen Soldaten das Leben gerettet, denn die Japanischen Inseln galten als nur unter hohen Verlusten einnehmbar. Er mutmaßte also über Entwicklungen, die so gar nicht hätten eintreten müssen. In der historischen Analyse erhält dieses spekulative Element die Funktion eines Experiments, welches aus sehr leicht zu erratenden Gründen bisher keinen Einzug in die Geschichtswissenschaft erhalten hat. Noch immer gilt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Satz von Karl Hampe: »Die Geschichte kennt kein Wenn.«zeus

Spekulation mit System

Die Auseinandersetzung mit kontrafaktischer Geschichte wendet sich jedoch nicht den uninteressanten Überlegungen über mögliche Alternativen der Geschichte zu, die nur wenig Aussicht auf Erfolg gehabt hätten, sondern offenkundige Möglichkeiten. Was wäre passiert, wenn Alexander nicht in jungen Jahren gestorben wäre? Der Bauernkrieg 1525 Erfolg gehabt, Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone 1848 angenommen und das Hitler-Attentat 1944 geglückt wäre? Optionen, die bei kleinsten Verschiebungen und Entscheidungen durchaus im Bereich des Möglichen gewesen sind. Weniger die Frage, was passiert wäre, wenn sich aus der Protestbewegung der Studenten 1968 eine Weltrevolution entwachsen hätte? Dieser Gedankengang ist wenig logisch und überschätzt alle Eventualitäten. Demandt bringt es auf die griffige Überschrift »Möglich ist, was vorstellbar ist.«. Daher steht am Anfang die genaue Situationsanalyse. Es muss untersucht werden, welche Entscheidungen und Ereignissen vorhanden waren. Welche Rolle spielte der Ort, die Zeit und die teilnehmenden Personen? Sollte die Zahl der konkurrierenden Faktoren niedrig sein, dann können sehr warscheinliche Aussagen getroffen werden. Natürlich bedarf es Anhaltspunkte die im bereits Passierten angelegt sind. Dazu zählen auch abgebrochene Entwicklungen. Die globale Ausdehnung des französischen Kolonialgebietes fand in der Expansion Englands im 18. und 19. Jahrhundert seine Grenze. Ohne diesen Faktor hätte Frankreich deutlich mehr Kolonien und Einfluss gehabt. Denkt man sich bestimmte Blockaden einfach kurz weg, dann werden bestimmte Alternativen schnell möglich und plausibel.

ruinen

Dieses Gedankenspiel kann bereichernd sein, auch für die wissenschaftliche Ausbildung. Die Vermischung von Faktenkenntnis und Vorstellungsvermögen kann Leben in die mufflige Archivarbeit bringen. Es wird nicht wild konstruiert, sondern mit vorhandenen Größen gearbeitet. Die Würde des Historikers bleibt unangetastet. Begreifen wir Geschichte also als Pendel, dann ist es doch fast selbstverständlich, dass wir nicht nur die wahre Mitte beäugen, sondern die interessanten Ausschläge in die zwei Richtungen.

Wer mehr über kontrafaktische Geschichte erfahren möchte, der liest das Buch “Ungeschehene Geschichte” von Alexander Demandt. Die zweite Auflage liegt in digitaler Form auf den Seiten der Bayrischen Staatsbibliothek vor

1. Bild: Rolf Handke 2. Bild  Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.