Nachname

Von Professoren und Gutsherren I/II

+++ Anmerkung vom 22.11.16: Dieser Blogpost erschien zu einem Zeitpunkt als ich noch Eric Makswitat hieß. Mittlerweile habe ich geheiratet und heiße Eric Mülling. Selbstverständlich bin ich weiterhin stolz auf meinen alten Nachnamen. +++

Am Anfang steht ein Geheimnis. Wer ist der Vater meines Ur-Großvaters Karl Makswitat? Ist er der Pferdeknecht oder doch ein feiner Gutsherr? Im fernen Dundeln liegt die Vergangenheit meiner Familie und meines Namens verschollen. Doch der Reihe nach …

„Wie ist der Nachname?“ „Makswitat!“ „Ähm…Mazewi….wie war das?“ „M-a-k-s-w-i-t-a-t!“ „Danke … komischer Name!“ Die Dame am Postschalter findet das Paket und reicht es mir. Ich greife zu und verlasse die Poststelle. „Komisch“, aber für mich schon lange nichts besonderes mehr. Man trägt den Namen, weiß in Ansätzen woher die Familie stammt, aber genaue Ableitungen zum Nachnamen lassen sich nicht treffen. Nur seine Merkwürdigkeit wird für mich täglich erfahrbar. Genau dann, wenn der Alltag über die Richtigkeit der Aussprache und Schriftlichkeit stolpert. Natürlich ist es spannend, nicht Müller oder Schultze gerufen zu werden. Aber musste es gleich Makswitat sein? Woher genau kommt dieser Name? Was bedeutet er? Bezeichnet er einen Beruf oder einen Ort? Keiner konnte Auskunft geben. Erst später – im Studium – sollte ich einen ersten Anhaltspunkt erhalten.

Sohn des Max

Unruhe erfasste den Raum. Es galt sich für ein Referat anzumelden. „Meld‘ dich Eric, das Thema ist gut!“. Semesteranfang. Referatsvergabe. Geschichte. Mehr ist nicht zu sagen. Die Hand ging also beim gewünschten Thema nach oben. „Ok…und wie ist der Name?“, fragte der Professor. „Makswitat, Eric“. Der sonst sehr geschäftige Dozent hielt kurz inne und schrieb nicht sofort den genannten Namen auf seinen gelben Zettel. Schaute nun abwechselnd auf das Papier und dann mir wieder direkt in die Augen. „Mmmmh…“, machte er kurz. Die anderen Studenten verstanden nicht warum es jetzt nicht weiterging. Der Professor hob an: „Sie haben einen schönen prußischen Namen … interessant!“, wechselte sofort das Thema und ging dann strickt weiter in seiner Referatsliste. Verdutzt ließ er mich zurück. Hatte er preußisch gesagt, nein … er sagte prußisch.

Ich beschloss nach dem Seminar den Professor zur gemachten Bemerkung zu befragen. Am Pult angekommen und die Frage gestellt, lächelte er kurz und erläuterte, dass mein Nachname klare prussische Linien aufzeige. Er referierte: „Die Prussen waren ein baltischer Volksstamm, sie siedelten auf dem Gebiet des heutigen Litauen, wurden im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden christianisiert und im 17. Jahrhundert vollständig durch deutsche und polnische Zuwanderer assimiliert.“ Er erklärte weiter, dass mein Nachname sehr wahrscheinlich „Sohn des Max“ bedeutete. Danach lächelte er noch einmal und verließ danach den Raum.

Prussen, Litauen, Deutscher Orden, Sohn des Max: diese Wörter schwirrten mir im Kopf herum. Ich setzte mich auf eine Bank. Konnte diese Begriffe nicht zusammenbringen. Kannte ich doch niemanden aus meiner Familie der doch nur ansatzweise aus dieser Region stammte, oder der je vermutete, das dort der Ursprung meines Nachnamens lag. Es war dieser Tag der mich ermunterte mehr über die Geschichte meines Namens und meiner Vorfahren in Erfahrung zu erbringen. Welche Wendung dieser Wunsch hervorbringen sollte, konnte ich da noch nicht erahnen!

August und Karl

Es lässt sich einwerfen, dass die Geschichte der Familienmitglieder, stets eine Geschichte von Beteiligungen war. Im Positiven, wie im Negativen. Das 20. Jahrhundert mit seinen Geschehnissen war auch immer ein Strudel der Ereignisse der Familie Makswitat. … und weil das so war, sprach man nicht darüber! Erst mein Vater sollte da eine Ausnahme bilden. Die ältesten Zeugnisse des Namens war Bekundungen über die Namen meiner Ur-Großeltern: Karl und Luise Makswitat. Kein Geburtsdatum, kein genaues Todesdatum, kein Geburtsort, kein Beruf – man wusste immer NICHTS. Weil man entweder nicht rechtzeitig gefragt hatte oder weil man besser schwieg. Eine Erfahrung die mein Großcousin auch gemacht hatte, den ich selbst erst in diesem Jahr wiedergefunden hatte. Wobei wiedergefunden das falsche Wort ist – auch hier waren Ahnungen im Raum.

Nachdruck aus Kartenbeständen des ehemaligen Reichsamtes für Landesaufnahme
Nachdruck aus Kartenbeständen des ehemaligen Reichsamtes für Landesaufnahme

Er half. Auf eine Weise wie nur er es konnte: In den 1950er geboren hatte er die Möglichkeit und den Mut zu fragen! Die Geschichte die sich dank der vielen neuen Antworten auftat, begann nur im ersten Moment mit der Geburt meines Ur-Großvaters Karl Makswitat am 15. Dezember 1876 in Dundeln, einem Gut in Ostpreußen (Regierungsberzirk Gumbinnen, Kreis Ragnit, Amtsbezirk Budwethen / der Ort heißt heute Krajnee und liegt in der russischen Exklave Kaliningrad). Die Beschreibung der Stationen des Karl Makswitats kennt viele weitere Anhaltspunkte die das Leben dieses Mannes in verschiedene Ecken stellt. Dessen unglaublichste Geschichte wohl die Begegnung mit August Bebel war. Jedenfalls behauptete das Karl Makswitat zeit seines Lebens vehement, berichtete mir mein Großcousin. Er war um 1894 Sägemüllergeselle und reiste nach Berlin, denn hier wurden Bauleute gesucht und hier fand er Arbeit. Er trat dort dem Berufsverband der Zimmerer bei. Sehr wahrscheinlich hat er hier auf einer Verbandsversammlung den Tischler August Bebel kennengelernt, der womöglich als Redner der SPD im Verbandslokal tätig war. Dieser habe ihn persönlich zum Eintritt in die SPD bewogen und sein erstes Parteibuch unterschrieben. Bis zum Lebensende von Karl Makswitat sollte ihn eine Porträtzeichnung von August Bebel über dem Kopfende seines Bettes daran erinnern.

Unabhängig von der tatsächlichen Begebenheit fand ich es faszinierend das mein Ur-Opa bereits Mitglied der SPD war. Eine schöne Kontinuität.

Wildes Gras

Wohnhaus für Gutsarbeiter (Kreis Ragnit)
Wohnhaus für Gutsarbeiter (Kreis Ragnit)

Es lassen sich weitere, sehr interessante Verläufe dieses Lebens darstellen.  Das eigentlich Geheimnisvolle ist der Nachname und die Geburt von Karl Makswitat, doch seine Eltern blieben vorerst unbekannt. Mein Goßcousin wusste, dass die Mutter von Karl ihren Sohn unehelich bekam und der Vater stets unklar war. Die Mutter arbeitete als Magd auf dem Gut Dundeln. Nach Recherchen gehörte das Gut der Familie zu Juckstein. Ein Besucher des Guts, der Gutsherr persönlich oder der Pferdeknecht – alles Vater-Optionen die jetzt wohl nicht mehr zu klären sind.

Doch was ist das für ein Ort? Dundeln! Klingt geheimnisvoll und eher nach Auenland, als nach Ostpreußen. Die Bildersuche lässt erste Eindrücke der Region vermitteln. Eine narbige, zerfurchte Landschaft erschließt sich mir. Nasse Straßen, wildes Gras, dunkle Wolken. Ursprünglich. Und vor 100 Jahren lebten hier Makswitats. Erst später sollte ich erfahren, über schwere Kirchenbücher gebeugt, dass dies schon viel länger der Fall war.

Teil 2

für Leo und seinen Peter

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