Wissenschaft

Neue Staaten

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Die Stimmung ist ausgelassen, geradezu ekstatisch. Einige schreien vor Glück, andere jubeln still in sich hinein. Alle jedoch lächeln und halten ein kleines rotes Büchlein in die Luft. In ihren Augen spiegeln sich Zuversicht und der Glaube an eine bessere Zukunft. Diesen Eindruck sollen Bilder aus der Zeit der Kulturrevolution in China vermitteln. Auf dem roten Buch prangt in goldenen Lettern: „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“. Die Lektüre der “Mao-Bibel“, wie sie später von Kritikern bezeichnet wurde, war seit ihrer Veröffentlichung 1971 in China Pflicht. Wer das Buch bei Kontrollen nicht vorzeigen konnte, der machte sich verdächtig. Die weltweite Auflage beträgt mittlerweile eine Milliarde.

Die Stimmung ist ausgelassen, geradezu ekstatisch. Einige schreien vor Glück, andere jubeln still in sich hinein. Alle jedoch lächeln, klatschen und halten stolz eine weiße Verpackungsbox mit grauem Apfel-Logo. In den Augen der versammelten Menschenmenge spiegeln sich Zuversicht und der Glaube an eine bessere Zukunft. Zumindest vermitteln dies die Filmaufnahmen, gedreht im September 2015 vor dem Apple Store in Hamburg. Das iPhone 6S erlebt seinen deutschlandweiten Verkaufsstart. Bereits zuvor campierten die Apple-Jünger tagelang vor den Geschäften in New York, Hongkong, Shanghai, Tokio, Paris, Zürich und Hamburg. Sie versprachen sich kein x-beliebiges Smartphone, sondern eine technische Offenbarung, die ihr Leben besser macht. Am 26. Januar gab das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino bekannt, dass weltweit mehr als 1 Milliarde Apple-Geräte im Einsatz sind.

Ein Zusammenhang zwischen den Beispielen exisitert nicht, aber die Schilderung verdeutlicht die Ähnlichkeit hegemonialer Selbstvergewisserung. Unternehmen erzeugen heute Bilder, wie sie vorher nur Staaten generierten. Überdies übernehmen Konzerne wie Apple oder Alphabet staatliche Verantwortlichkeiten: von der Kommunikation bis zur Gesundheitsversorgung. Die neuen IT-Apologeten versprechen den Kunden das glückliche Leben, sofern diese ihre Produkte erwerben oder Dienste umfänglich nutzen. Widerspruch ist gewünscht, aber darf den Unternehmensinteressen nicht im Wege stehen. Dazu gehört auch die Ablehnung vorgebrachter Einwände staatlicher Institutionen, wie zuletzt das FBI in den Vereinigten Staaten erleben durfte. Der Inlandsgeheimdienst verlangte von Apple die Entschlüsselung eines iPhones, dass vorher dem Attentäter von San Bernardino gehörte. Auch die Entscheidung eines Bundesgerichts verändert die starre Haltung von Apple nicht. Am Ende verzichte das FBI auf weitere Schritte, denn „Hacker“ halfen bei der Entschlüsselung. Der „Streit der Supermächte“, wie es die Süddeutsche Zeitung am 15. März formulierte, ist abgewendet – voerst. Natürlich ist es das Wesen von Verschlüsselung eben keine Hintertüren zu besitzen. Andernfalls würde das ganz dahinterliegende Konzept keinen Sinn ergeben. Doch der Konflikt zwischen Apple und FBI steht stellvertretend für die weiter zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen alten und neuen Staaten. Selbst den liberalen USA wird zunehmend klar, dass sie die Kontrolle über die Konzerne aus dem Silicon-Valley verlieren.

Bild: Allen Lai | CC BY 2.0

 

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