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Umdenken

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Diesmal brannte ein Haus in Nauen, das zur Unterbringung von Asylbewerbern vorgesehen war. Es scheint kein Tag und keine Nacht zu vergehen, ohne dass sich der Mob in Deutschland, nach Hass und Gewalt geifernd, neue Ziele sucht. Böhlen, Drögenheide, Freital, Heidenau, Hoyerswerda, Meißen, Tröglitz und auch Halberstadt, mein Geburtsort, reihen sich ein in die Liste der Verbrechen gegen Flüchtlinge. Derweil rätseln wir in Berlin, Hamburg, München und Stuttgart darüber, wie es zu dieser Eskalation in der alten Heimat kommen konnte. Fragen uns eindringlich: Wer gebietet diesem Treiben endlich Einhalt?

Einige von uns stammen aus heute einsamen Regionen. Auf der Suche nach Arbeitsplätzen verließen wir nach der Schule diese Orte. Die Enge und die Perspektivlosigkeit wurde zurückgelassen. Zweimal im Jahr reisen wir noch dorthin, freuen uns ob der günstigeren und gesünderen Lebensweise, nur um alsbald in die überfüllten Städte mit ihren teuren Mieten und der schlechten Luft zurückzukehren. Während der Besuche kommen uns die Menschen wie Verkehrsschilder vor. Sie ziehen vorbei und gehören quasi mit zur Landschaft. Dort brennen heute Flüchtlingsunterkünfte und werden Steine auf DRK-Helfer geworfen.

Jetzt bestaunen wir fast ungläubig die zunehmenden Ausschreitungen. Vielleicht wird es keinen erhofften Aufstand der Anständigen geben, wenn wir nicht in die Orte zurückkehren, die Probleme mit Hetze und Gewalt gegen Flüchtlinge haben.  Schließlich widersprechen nur noch wenige, wenn vom angeblichen „Asylmissbrauch“ die Rede ist. Viele halten sich bedeckt. Einige sympathisieren offen mit den Rechtsextremen und gehen gemeinsam mit den Kindern auf Demos gegen Menschen aus Syrien oder dem Westbalkan. Einzelne lassen ihren Worten Taten folgen und zünden Heime an.

Wir spenden Geld, bringen Kleidung zu Annahmestellen, nehmen Flüchtlinge in der eigenen Wohnung auf. Jedoch passiert das alles in Großstädten, die schon aufgrund der besseren Infrastruktur, eher mit größeren Flüchtlingszahlen umgehen können. Nur an runden Geburtstagen wird mit dem unbelehrbaren Onkel aus Tröglitz oder Heidenau diskutiert, der kurz zuvor stolz verlautbarte, dass er in Dresden auf der PEGIDA-Demonstration war. Natürlich kann die Antwort nicht sein, nur Flüchtlinge in Großstädten aufzunehmen. Gerade ländliche Regionen benötigen diese Wiederbelebung, damit sie nicht noch leerer, älter und ärmer werden. Doch sie brauchen auch Unterstützung. Sie brauchen uns. Sie brauchen Menschen, die auf dem Fußballplatz dem pöbelnden Mitspieler in seiner Hetze widersprechen. Die sich auch auf dem Land aktiv für Flüchtlinge einsetzen und ein Vorbild für Andere sind. Das Argument mit den fehlenden Arbeisplätzen zieht nicht mehr ganz. Immer mehr Menschen arbeiten im Home-Office und benötigen lediglich einen Internetanschluss für ihre Arbeit. Es liegt also auch an uns, umzudenken.

Bild: Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0, flickr.com).

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