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Marcel Reich Ranicki und der Wunsch nach Kritik

Gestützt vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert betritt der 91-Jährige Marcel Reich Ranicki den Bundestag. Eingeladen vom deutschen Parlament, anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Plenum herrscht andächtige Ruhe. Am Rednerpult angekommen, setzt sich Ranicki auf einen vorher hier platzierten Stuhl, sortiert sein Manuskript und beginnt sehr leise mit seiner Rede. In diesen Minuten fällt sofort die brüchige Stimmlichkeit des großen Kritikers auf. Das wirkt ungewohnt und macht traurig.

„Die haben Bücher, aber keine Literatur.“

Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wann ich zum ersten Mal mit ihm in Kontakt geraten bin, weiß aber, dass es eine Wiederholung einer frühen Ausgabe der Sendung„Das Literarische Quartett“ war. Er fiel durch die Art der Betonung, seinen Redefluss, die Gewandtheit im Umgang mit den Themen auf. Das Quartett bestand aus Marcel Reich Ranicki, Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek und einem wechselnden Teilnehmer. Die Mit-Kritiker schienen nur Steigbügelhalter. Sie lieferten Stichworte für die oft harschen, jedoch immer grundehrlichen Rezensionen des Chefs. Ranicki war so ganz anders. Für mich bekannt war zu diesem Zeitpunkt nur die zur Lobhudelei ansetzende Elke Heidenreich. Ihre Besprechungen waren immer positiv. Heidenreich besaß dabei ein Faibel für kleine Alpenverlage mit geringen Auflagen. Mir gefiel das nicht. Es war zu wenig Unterhaltung dabei. Wollte auch vor vermeintlich Beststellern gewarnt werden und Ranicki schaffte das.

Mochten sich die drei Teilnehmer des „Literarischen Quartetts“ in vielen Fällen für ein Buch aussprechen, wenn Ranicki das Wort ergriff stieg die Spannung und das Flüstern in den Zuschauerreihen erstarrte. Insgesamt stellte die Sendung einen Höhepunkt der deutschen Fernsehgeschichte dar. Von wegen bieder und snobistisch. Die Sendung war peppig und intellektuell zugleich. Hier wurden Bücher des Literaturnobelpreisträgers Günther Grass verrissen und die Werke von Thomas Mann und John Updike in den Himmel gehoben. Auf Youtube finden sich zahlreiche Ausgaben in voller Länge. Keine Sendung, wie alt sie auch sein mag, langweilt.

Lange Zeit warf man Ranicki vor, dass er ein Wüterich und Schulmeister sei. Danach folgte eine Generation, die ihn einen Entertainer nannte. Ranicki meint: „Es stimmt beides!“ Der Kritiker wolle pädagogisch wirken und unterhalten. Um dies zu untermauern, weiß Ranicki stets die gleiche Anekdote zu berichten. Demnach legte ein Philologe dem Chef des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Marcel Reich Ranicki, eine Kritik vor. Ranicki urteilt: „Die Kritik verstehen in Deutschland nur fünf Leute!“ Der Philologe: „Auf die kommt es mir an!“. Ranicki berichtet später, der Mann habe seinen Beruf verfehlt. Dem Kritiker geht es stets um Verständlichkeit.

„Mein Leben“

Das Leben von Marcel Reich Ranicki ist nicht weniger turbulent. 1920 im polnischen Włocławek geboren und ab 1929 in Berlin lebend, ist sein jüdischer Hintergrund stets Grundlage zahlreicher Anfeindungen, Unterstellungen und Schikanen im „Dritten Reich“. 1938 wird er nach Polen ausgewiesen und 1940 zur Umsiedlung ins Warschauer Ghetto gezwungen. In diesen Wirren lernt Ranicki auch seine Frau Teofila kennen. Beide überleben das Warschauer Ghetto und den 2. Weltkrieg. Die Biografie „Mein Leben“ berichtet eindrücklich über die Gefahren und Schwierigkeiten ihrer Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Nach erneuten Schikanen im Nachkriegspolen beschlossen Teofila und Ranicki in die Bundesrepublik zu ziehen. Mitglieder der Gruppe 47, darunter der Greifswalder Wolfgang Koeppen, halfen ihm indem sie ihn ihrer Bücher rezensieren ließen. Erst Journalist bei der ZEIT, später folgte die Übernahme der Leitung der Literaturredaktion der FAZ.

„Ich nehme diesen Preis nicht an.“

Breite Bekanntheit erlangte er mit der ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“ die vom März 1988 bis zum Dezember 2001 produziert wurde. 2008 sollte die Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises für einen Skandal sorgen. Aber sprach er nicht aus, was zahlreiche Fernsehzuschauer noch heute zu sehen bekommen? Formate die auf offene Erniedrigung setzen, plumpe Blödeleien und wenig gute Unterhaltung abliefern!

Danach sollte es ruhig um den großen Kritiker werden. 2011 starb seine Frau. Sie war ihm ständige Begleiterin und Unterstützerin. Bei zahlreichen Auftritten und Sendungen saß sie im Publikum und lauschte den Ausführungen ihres Mannes. Die Rede im Bundestag war sein eindringlichster Auftritt. Ranicki sprach über seine Erlebnisse im Warschauer Ghetto. Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen berichtete er von den Gräueltaten der Nationalsozialisten und seinen Versuchen zu überleben. Die letzten Worte der Rede bleiben in Erinnerung: „Was die „Umsiedlung“ der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.“

Zum Abschluss eine seiner zahlreichen Anekdoten. In einer Ausgabe der „Harald Schmidt Show“ von 1996 verlautbart Ranicki: „Ein Kritiker muss Feinde haben! Nur ein schlechter Kritiker hat keine Feinde, denn er schreibt immer nett und positiv.“ Er ist und bleibt der große Humanist der deutschen Literaturkritik – auch für meine Generation.

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