Literatur

Lesen!

Ginny (CC BY-SA 2.0)

Studenten, Doktoranden, Dozenten und Professoren vereint ein altes Problem. Sie wissen um die Millionen-Bücher und-Quellen, die kein Forscher mehr lesen und erfassen kann. Zwar kann unsere Fähigkeit, Texte schneller und effizienter zu verarbeiten, trainiert werden, zum Beispiel durch das lautlose Lesen oder die Einführung von Metadaten in die Texte, doch für den Konsum der Bücher und Aufsätze benötigen wir Zeit. Valentin Groebner, Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern, verdeutlicht in seinem Buch „Wissenschaftssprache Digital“ das Dilemma. Wer während seiner wissenschaftlichen Ausbildung (in der Regel zwischen 20 und 35) täglich 200 Seiten liest, fünf Tage in der Woche, 15 Jahre lang ohne Unterbrechung, der schafft 780.000 Seiten. Das sind ungefähr 2.600 Bücher, sofern man von 300 Seiten pro Buch ausgeht. Das ist nicht sehr viel. In Deutschland erscheinen allein an einem Tag 240 neue Bücher, die Aufsätze und Artikel nicht eingerechnet. Diese Zahlen lassen erahnen wie schwierig es ist seine eigenen Forschungstexte einem interessierten Publikum anzubieten und – was noch viel schwieriger ist – auch gelesen zu werden. Groebner fragt in seinem Buch nach den neuen Kanälen beim wissenschaftlichen Schreiben. Die großen Überraschungen bleiben in seinem Groß-Essay zwar aus, aber es enthält dennoch interessante Forderungen. Demnach verursacht zu „große Strenge und zu pedantische Reinheit“ unverständliche Texte. Der Leser sucht im Wirrwarr der Informationsflut nach Veröffentlichungen, die ein „anständiges Haltbarkeitsdatum“ aufweisen. Groebener sieht gerade in der Veröffentlichung auf Papier die Lösung für viele Probleme, denn das Resultat der wissenschaftlichen Arbeit ist wichtiger, als ihre Vollständigkeit und ewige Kommentierung. Das Papier schafft ein vorläufiges Ende des Kommunikationsflusses. Schließlich sei Schreiben nichts anderes, als der „praktische Umgang mit der Zeit anderer Leute“.

 Valentin Groebner: Wissenschaftssprache digital (16,90 €)

Gehorsam als Ohnmachtsgefühl

Gehorsam ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst. Auf diese einfache Formel bringt es der Schriftsteller und Psychoanalytiker Arno Gruen in seinem Buch „Wider den Gehorsam“. Die Entwicklung des Menschen wird gestört, durch den verlangten Gehorsam und die Identifizierung mit demjenigen, der Gehorsam einfordert. Gruen sieht darin den Verlust des authentischen Lebens. Wer stets zur Pflichterfüllung ermahnt wird, der verliert sein eigenes Verantwortungsbewusstsein. Gründe für den hohen Grad an Autoritätshörigkeit sieht er im Ausmaß an Gewalt, das an einem verübt wurde. Bereits in der frühsten Kindheit werden Grundlagen dazu gelegt. Zum „Wohle des Kindes“ werden Maßnahmen gegen die Bedürfnisse und Genüsse des Kindes getroffen. Dies führe zum Verlust der Identität und der gleichzeitigen Unterwerfung. Daraus können Minderwertigkeitskomplexe erwachsen, die sich radikale Bewegungen später zu Nutze machen. Gruen: „Der Hass auf Andere ist immer der Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste.“ Dem Deutsch-Schweizer ist ein beeindruckendes Buch gelungen. Es zeichnet die Ursachen des Gehorsams nach und verweist gleichzeitig auf die Wege aus dem Gehorsam, wozu Mut, Herz und offenes Denken gehören.

 Arno Gruen: Wider den Gehorsam (12 €)

Digitaler Gründungsmythos

Jeder kennt die Geschichte von den Nerds in den Garagen amerikanischer Vorstädte, die Computer und Betriebssysteme schufen. Die Namen Steve Jobs und Bill Gates sind in die Technikgeschichte eingegangen. Doch sie gelten nicht als Keimzelle der digitalen Welt. Dazu gehören eher Albert Einstein, Robert Oppenheimer, Alan Turing und John von Neumann. Sie sind verantwortlich für die Pionierleistungen. Am Anfang des Computers steht nicht die berühmte Garage, sondern die Atombombe. Das Manhattan-Projekt ermöglicht im Zweiten Weltkrieg vielen amerikanischen Wissenschaftlern, die Entwicklung, der für uns heute zum Alltag gewordenen Rechnerstrukturen. Die Kapazität der neuen Maschinen optimierte die Wirkung der Bomben. Mit „Turings Kathedrale“ des Wissenschaftshistorikers George Dyson liegt ein anregendes Buch über die Ursprünge des digitalen Zeitalters vor. Dyson wartet mit vielen Details auf und liest sich in der deutschen Übersetzung von Karl Heinz Siber äußerst angenehm. Die Anstrengungen die es bedurfte, um den ersten Rechner zu entwickeln, werden detailliert beschrieben. Alan Turing nimmt darin das Bindeglied zwischen den Grundlagen von Leibniz und dem tatsächlichen Bau der Maschine durch von Neumann ein. Der Autor versteht es die komplizierten Zusammenhänge in eine spannende Geschichte einzubetten und beweist damit auch Valentin Groebener (siehe erste Rezension) worauf es bei wissenschaftlichen Texten auch ankommt: Sie dürfen unterhalten.

George Dyson: Turings Kathedrale (26 €)

Foto: Ginny (CC BY-SA 2.0)

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