Menschen

Alle heiraten und ich kann nichts dagegen tun

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Das Brautpaar schaut sich tief in die Augen. Die Standesbeamtin hält bedeutungsschwer ihr Manuskript. Einige Gäste schluchzen. Eine ältere Dame flüstert leise zu ihrem an der Veranstaltung nur mäßig interessierten Gatten: »Eine Nummer kleiner hätte es auch getan.« Dabei wandert ihr Blick entlang der stuckverzierten Decken. Diese Hochzeit findet nicht irgendwo statt. Schließlich verspricht die Hochglanzbroschüre die »Traumhochzeit in stilvollen Ambiente« in einem »liebevoll restaurierten Preußenschloss«. Gleich stecken sich die Verliebten teure Ringe an. Sie heißen Daniel und Sarah, Jan und Katharina, Florian und Julia, Michael und Sabrina, Dennis und Nadine sowie manchmal auch Christopher und Lena. Die Vornamen sind nicht zufällig gewählt. Es ist eine kleine Auswahl der beliebtesten Vornamen aus dem Jahr 1988. Es ist auch gleichzeitig mein Geburtsjahr.

Immer öfter darf ich »traumschöne« Hochzeitsfotos meiner Freunde auf Facebook bewundern. Vor Kurzem noch diskutierte ich mit Svenja über die frauenfeindliche Gesellschaft. Heute heiratet sie als Märchenprinzessin ihren Max aus Kreuzberg. Mit allem drum und dran. Schloss, Kutsche und die Gäste in Kleidung aus dem 18. Jahrhundert. Allein das Buffet zeigt noch leichte Anwandlungen ihres früheren Ichs. Die Kost ist BIO und es gibt auch ein paar vegane Speisen. Ob die höfische Gesellschaft Ludwigs XIV. auch Dinkelbrot mochte ist nicht überliefert. Das ist auch egal. Wir haben alle Disney-Filme gesehen, jetzt wollen wir verdammt nochmal auch endlich einmal so heiraten. Die Hochzeit wird minutengenau »getimt«. Wehe es kommt zu Abweichungen. Wer kümmert sich um Opa Fritz, damit er pünktlich um drei Uhr auf dem Dampfer ist? Welche der 10 Trauzeugen darf dem zukünftigen Ehegatten wann die Ringe reichen? Kann das Feuerwerk um Mitternacht auch zünden, wenn es am Vortrag geregnet hat? In der guten, alten Zeit gab es nur eine einzige Regel: Auf meiner eigenen Hochzeit werde ich ganz sicher nicht nüchtern bleiben.

Apropos Alkohol. Junggesellenabschiede – die komischerweise immer in Hamburg stattfinden müssen. Das Motto lautet stets: Wir zeigen der Gesellschaft, dass wir doch keine so elenden Spießer sind. Sie ziehen sich alberne T-Shirts an, auf denen so tolle Sprüche stehen wie: »Ich heirate, aber die anderen sind nur zum saufen da« oder »Totale Eskalation. HANGOVER part 4«. Ein eindrücklicher Beweis dafür, dass wir tatsächlich die Spießer sind, für die uns alle schon immer gehalten haben. Müssen wir unbedingt 4 Tage vorher auf der Reeperbahn die Polizisten von der Davidwache im Vollrausch provozieren? Nur um später bei der Hochzeit in feinem Zwirn eine alte Adelshochzeit nachzuspielen.

Wir sind die Generation Internet. Wir stießen noch auf großes Unverständnis, wenn wir die Notwendigkeit eines Modems am Telefonanschluss ausführten. Mutter schrie dann immer: »Geh aus diesem Internet. Ich will mit Oma telefonieren.« Warum drucken wir uns die Ringe nicht mit unserem 3D-Printer aus? Nein, sie müssen zusammen geschmiedet werden. Geschmiedet! Wir plakatierten: »Lasst unser Internet oder wir nehmen eure Faxgeräte«. Jetzt ist twittern auf der Märchenhochzeit verboten. Ich möchte an dieser Stelle Bart Simpson zitieren: »Was ist nur aus dir geworden, du warst mal so cool.«

Lasst uns heiraten. Aber das können wir doch besser.

Artikelbild: Joujou  / pixelio.de

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