Film Geschichte

Herzog und Kinski

„Am Weihnachtstag des Jahres 1560 erreichten wir die letze Passhöhe des Andengebirges und sahen zum ersten Mal in den gelobten Urwald hinab. Am Morgen las ich die Messe – dann stiegen wir durch die Wolken hinab.“

Schnitt. Ein Mann kommt in das Bild. Er dreht den Kopf und beschaut sich den Urwald, der an den Seiten des Flusses wuchert. Kinski. Die wohl größte Naturgewalt. Die Bilder dazu liefert der deutsche Regisseur Werner Herzog und die Szene stammt aus dem Abenteuerfilm „Aguirre, der Zorn Gottes“. Dies sollte die erste gemeinsame Zusammenarbeit von Klaus Kinski und Werner Herzog aus dem Jahr 1972 darstellen. Es folgen vier weitere Filme dieses ungleichen Duos. Nosferatu – Phantom der Nacht, Woyzeck, Fitzcarraldo und Cobra Verde. Alle Filme zeichnet die unglaubliche Bildgewalt aus. Das Andengebirge, der lateinamerikanische Urwald, die Schluchten der Karpaten und die afrikanische Steppe schaffen bewegte Metaphern, dessen Bedeutung der Regisseur selbst nie ganz verstanden hat. So berichtet Herzog, dass er schon glaube das die gewaltige Kraftanstrengung, das Bewegen eines kompletten Schiffes über einen Berg (Fitzcarraldo), eine gewaltige Metapher sei, nur wisse er nicht wo für. So steht also nicht die Dramaturgie im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel der Natur mit Kinski. Dabei gestalteten sich die Dreharbeiten äußerst schwierig.

Ein Klaus, sie zu knechten

Da wäre das geringe Budget der Filme. Am Ende von Aguirre kommen viele hundert kleine Affen in das Bild. Werner Herzog hatte diese zuvor vom Flughafen in Buenos Aires entwendet. Er sollte erst nachträglich dazu kommen die Rechnung zu begleichen. Viele weitere Geschichten ließen sich über die knappen Budgetmöglichkeiten erzählen. Ständiger Begleiter sollten die Unwägbarkeiten der Drehorte sein. Der Dschungel mit seinen Mücken, Schlangen und dichtem Gestrüpp. Der Sand, die Hitze und die Unwägbarkeiten Afrikas sollten selbst bei der letzten Zusammenarbeit von Herzog und Kinski da keine Ausnahme bilden. Die dritte Schicksalsprüfung der Filme sollte der Schauspieler Klaus Kinski selbst sein. Er galt bereits vor der Zusammenarbeit als cholerisch, egozentrisch und kaum beherrschbar. Es scheint kein Zufall zu sein, dass diese streitbaren Auftritte Kinskis heute große Zuschauerzahlen auf Videoportalen erhalten. Oft scheint der Jugend ein Kinski in eingeschlafenen Talkformaten zu fehlen. Kinski erlebt 20 Jahre nach seinem Tod eine Renaissance. Dabei war er zu Lebzeiten keinesfalls unumstritten. Der Kritiker Hellmuth Karasek wird 1987 im Spiegel deutlich und beurteilt den Film Cobra Verde mit „ein schmutziges Stück Männerphantasie, ein klappriges Herrenmenschentum, geritten auf der Mähre Kinski.“
Muten einige seiner bizarren Auftritt fast komisch an, so verstört sein Umgang mit der Filmcrew und mit Herzog selbst. Herzog erkannte früh das unglaubliche Talent das Klaus Kinski ausstrahlte, setzte ihm in fünf Filmen ein Denkmal und doch bekam er Schmähungen und Angriffe des Cholerikers unmittelbar zu spüren, wie folgende Tonaufnahme zeigt:

Die Filme im Detail:

Aguirre, der Zorn Gottes

Spanische Konquistadoren unter Don Pedro de Ursúa lösen sich von Pizarros Truppen. Fortan soll das Goldland Eldorado Ziel der Expedition sein. Aguirre, gespielt von Kinski, nutzt die Angst der Männer vor den Indios und den Wunsch nach schnellem Reichtum gekonnt aus, macht sich zum Anführer und führt nun die Expedition, durch die Gefahren des Regenwaldes, an. Aguirres Größenwahn kennt dabei keine Grenzen und menschlicher Verlust scheint egal.

Nosferatu – Phantom der Nacht

Eine Hommage an Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ aus dem Jahre 1922. Kinski spielt hier den Vampir Nosferatu. Oft werden Kameraeinstellungen und Szenen fast 1:1 wie im Murnau Klassiker wiedergegeben. Dabei entsteht eine bedrohliche und oft angsteinflössende Kulisse.

Woyzeck

Der Stoff ist bekannt. Nur scheint hier die Besetzung von Klaus Kinski fast fehlerhaft. Das ausgesprochene Talent spielt in dieser Verfilmung einen klanglosen, nachtwandlerischen Charakter. Man nimmt das Kinski nicht recht ab. Gerade wenn man sich seiner regelmäßigen Wutausbrüche gewahr wird.

Fitzcarraldo

Die wohl stärkste filmische Zusammenarbeit von Herzog und Kinski. Der exzentrische Fitzgerald will im peruanischen Dschungel ein Opernhaus errichten. Damit er sich dieses kostspielige Vorhaben leisten kann, kauft er sich einen Flussdampfer um Kautschuk zu handeln. Die ertragreichen Anbaugebiete sind jedoch aufgrund von Stromschnellen schwer erreichbar. Fitzgerald beschließt das Schiff mit Hilfe der Ureinwohner über einen Bergrücken zu ziehen, um auf der anderen Seite gefahrloser an das Kautschukgebiet zu kommen. Ein Mammutprojekt beginnt.

Cobra Verde

Dieser Film wird oft als der Schwächste der Filmreihe bezeichnet. Thema ist der afrikanische Sklavenhandel. Im Gedächtnis bleibt die letzte Filmeinstellung. Der Protagonist Da Silva (Kinski) stirbt alleingelassen, am Ufer des Atlantischen Ozeans, bei dem Versuch Afrika zu verlassen und seine Verbrechen vergessen zu machen. Koloniales Verbrechen und Koloniales Vergessen auf den filmischen Punkt gebracht.

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