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Habitus

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Nur einen Abend brauchte mein Doktorvater für das Buch „Rückkehr nach Reims“ von Didir Eribon. Er konnte es nicht aus der Hand legen. Sofort war mir klar, das will ich auch lesen! Schließlich suchte ich nach Lektüre, die mich in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt. Ich will das es mich packt und zum Nachdenken anregt. Bücher haben die Pflicht ihre Leser klüger zu machen. Das Buch von Eribon tat noch etwas Besseres: Ich erkannte, dass mir womöglich ein ganz bestimmter Habitus fehlt.

Didir Eribon ist Sohn einer Arbeiterfamilie. Die Bemerkung muss am Anfang stehen, wenn es etwas Qualifiziertes über das Buch „Rückkehr nach Reims“ zu sagen gibt. Eribon ist auch Professor. Zwischen seiner Geburt in das französische Arbeitermilieu der 1950er Jahre und seiner späten Berufung an die Universität Amiens liegt die bewusste Abgrenzung seiner Herkunft. In seinem Bemühen um soziale Anerkennung verleugnet er seinen Ursprung. In der Tradition Pierre Bourdieus („Soziologie als Kampfsport“) enthält seine autobiografische Aufarbeitung gleichfalls eine Gesellschaftsanalyse.

Nun beschreibt Eribon seine Sozialisation in einem Frankreich der sechziger und siebziger Jahre. Was hat das mit meiner Situation in der Bundesrepublik zu tun? Ich erkenne Parallelen zwischen Eribons Schilderungen, der Situation von Arbeiterfamilien in Frankreich, und des Milieus, in dem ich Anfang der Neunziger in Ost-Deutschland aufwuchs. Der sogenannte Arbeiter- und Bauernstaat war verschwunden, doch nicht meine Eltern, die die meiste Zeit ihres Lebens im real existierenden Sozialismus verbrachten, auch nicht die Kindergärtner, Erzieher und Lehrer, nicht die Menschen in den Städten und Dörfern, die mich prägten. Die DDR konservierte soziale Bedingungen genauso, wie sie alles über das Verfallsdatum hinweg konservierte. Das Arbeitermilieu löste sich in der DDR nicht auf. Es wurde kultiviert. Meinen Eltern war es nicht vergönnt zu studieren, obwohl genau dies ein erklärtes Gesellschaftsziel war. Für diese Aufgabe existierten spezielle Arbeiter- und Bauernfakultäten. Sie dienten Kindern von Handwerkern und Angestellten zur Vorbereitung auf das Hochschulstudium. Dazu sollte es in meiner Familie nicht kommen. Drei Jungen aus der Schulklasse meiner Mutter verpflichten sich frühzeitig für drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee. Trotz besserer Noten war nun kein Platz mehr frei für meine Mutter auf der Erweiterten Oberschule (EOS). Sie zog beleidigt eine Ausbildung vor.

Die schulische Selektion ist gleichfalls für meinen Vater von Bedeutung. Er war ein guter Schüler. Viele Aufgaben fielen ihm leicht. Er las zahlreiche Bücher. Doch er entschied sich nicht für die EOS. Vielleicht handelte es sich um eine freiwillige Selbstexklusion. Didir Eribon spricht von sozialer Trägheit, Wahrnehmungs- und Bedeutungsmustern die neue Weltsichten einschränken. Der DDR war besser gedient, wenn Arbeiter an der schwer bewachten Grenze dienen. Dieser Aufgabe wiedersetze sich mein Vater, doch dem Dienst in der “Armee des Friedens“ konnte er sich nicht entziehen. Sozialen Aufstieg erlebten meine Eltern erst mit dem Zerfall der DDR.

Aus meiner Familie bin ich der Erste an der Universität. Am Anfang konnte ich niemanden fragen, wie es dort wohl sein würde. Noch ein anderer Unterschied stach mir ins Auge. Wenn mir Kommilitonen von ihren Urlauben mit den Eltern erzählten, dann fielen häufig exotische Stichworte: Thailand, Südafrika, Brasilien und die U.S.A. Ich habe noch nie den europäischen Kontinent verlassen. Heute, weil ich es mir nicht unbedingt leisten kann, und damals nicht, weil meine Eltern nach 26 Jahren Ostsee Lust hatten auf Westdeutschland, Dänemark, Österreich, Frankreich und Norditalien. Die Eltern meiner westdeutschen Kommilitonen erkundeten schon mit ihren Eltern zur Genüge diese Gebiete. Haben solche Erfahrungen womöglich meine Einstellung zu ausgedehnteren Auslandsreisen beeinflusst? Oder ist eher mein ostdeutscher Hintergrund von entscheidender Bedeutung? Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass Studierende aus Akademikerhaushalten deutlich häufiger ein Auslandssemester absolvieren als Arbeiterkinder. Die Forscher führen das auf die kulturelle Reproduktionstheorie zurück. Danach nutzen zuerst Menschen mit besseren Startchancen neue Möglichkeiten und die Arbeiterkinder schließen erst später auf. Vielleicht hat es aber auch gar nichts mit meinem Hintergrund als Arbeiterkind zu tun, dass ich im Vergleich zu meinen westdeutschen Kommilitonen kaum Auslandserfahrung besitze. Bin ich nicht selbst daran Schuld, dass ich die vielen Möglichkeiten bisher nicht ausreichend nutzte?

Didier Eribon beantwortet diese Frage im Buch mit Nein. Kinder aus Arbeiterfamilien fehlt der Stallgeruch, ein ganz spezieller Habitus. Viele scheitern bereits in der Schule. Nicht weil sie keine ausgezeichneten Schülern sind, sondern weil sie sich der schulischen Situation verweigern. Der auf dem Gymnasium zur Schau gestellte Leistungs- und Aufstiegswille provoziert Unangepasstheit. Für Eribon muss man sich für elitäre Bildungswege nicht nur schulisch, sondern auch sozial qualifizieren. Andernfalls verfehlt man das Ziel und trifft falsche Entscheidungen. Ich selbst bin nach der neunten Klasse vom Gymnasium abgegangen. An meinem elitären Gymnasium bin ich gescheitert. Erst später konnte ich das Abitur nachholen. Musste ich scheitern?

Ich kann alle diese Fragen nicht abschließend beantworten. Es lassen sich viele weitere Passagen aufzählen, um meine Entwicklung und die getroffenen Entscheidungen nachzuzeichen. Nur stichprobenartig konnte ich Einblick geben, in die vielen Gedanken und Überlegungen, die das Buch „Rückkehr nach Reims“ bei mir auslösten. An einem Abend konnte ich es nicht zu Ende lesen. Dafür benötigte ich vier Wochen. Nach jedem Kapitel musste ich aufhören und lange darüber nachdenken. Es kann sein, dass mir ein Habitus fehlt.

Didir Eribon: Rückkehr nach Reims | 18 €

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Bild: Allen Lai | CC BY 2.0

2 Kommentare

  1. Josie sagt am 1. April 2017

    Lieber Eric,

    eine grundsätzliche Frage drängt sich mir beim Lesen deines Blogeintrags auf, die ich mir auch durchgängig beim Lesen des Eribon Buchs stelle (das ich übrigens auch nicht an einem Tag zu lesen vermag): Können bestimmte Situationen und Entscheidungen wirklich auf die soziale Herkunft zurückgeführt werden oder vermischen sich die Dinge hier nicht zu leicht?

    Besonders die Szene bei Eribon, in der er die Ablehnung über seinen volltrunkenen und flaschenwerfenden Vater zur Ablehung der sozialen Klasse konstruiert, die dieses Verhalten angeblich vorprägt, beschäftigt mich. Hier wird ein individuelles Verhalten mit sozialen Umständen in Verbindung gebracht, wobei sich mir der Zusammenhang zwischen beiden nicht erschließt.

    Es bleibt spannend. Wir werden darüber sicher noch sprechen. Aber das schonmal als erster Anstoß von mir.

    Liebste Grüße
    Josie

    • Für Pierre Bourdieu (Lehrer von Didir Eribon) sind die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen begrenzt. Der Habitus bestimmt das weitere Vorankommen. Bourdieu identifiziert beispielsweise „das Kapital“ als wichtigen Zugang zu Lebenschancen. Damit ist nicht nur das eigene Gesparte gemeint, sondern auch die kulturellen und sozialen Ressourcen der Individuen. Sie konditionieren das eigene Handeln. Das Ergebnis sind gleiche Ansichten, Positionen und Verhaltensweisen. Ich empfehle dir dazu das Buch „Entwurf einer Theorie der Praxis“ von Pierre Bourdieu: http://www.suhrkamp.de/buecher/entwurf_einer_theorie_der_praxis-pierre_bourdieu_27891.html

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