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Fußstapfen

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Seit meinem letzten Blogbeitrag sind acht Monate vergangen. Schon früher gab es hier längere Pausen zwischen den Artikeln. Häufig hinderte mich der Alltagsstress am Verfassen neuer Texte. Der Grund für die letzte Schaffenspause liegt im letzten Artikel mit dem Titel Habitus begründet. Darin widmete ich mich dem Buch Rückkehr nach Reims von Didir Eribon. In der Tradition Pierre Bourdieus enthält seine autobiografische Aufarbeitung eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens in Frankreich. In der Rezension vom März versuchte ich dem eigenen Habitus nachzuspüren.

Mittlerweile reagiert mein persönliches Umfeld ein wenig genervt auf die immer gleichen Versuche über den Arbeiterhintergrund oder die ostdeutsche Identität zu reden. Bis zur Lektüre von Rückkehr nach Reims war ich mir meines eigenen Herkunftsmilieus nicht bewusst. Jetzt sprudeln die Gedanken dazu hervor. Vermutlich verschrenken sich in mir zahlreiche Habitus. Als Akademiker kann ich beispielweise klugscheißerisch darauf hinweisen, dass Habitus im Plural mit langem uuuu ausgesprochen wird. Mein ostdeutscher Hintergrund zeigt sich, sobald westdeutsche Kommillitonen von Frankfurt sprechen und ich stets nachfrage: am Main oder an der Oder? Meine Herkunft aus dem Arbeitermilieu ist gleichfalls ein verschränkender Faktor und prägt viele meiner Entscheidungen. Im ersten Semester an der Universtität taperte ich suchend auf dem Campus umher, während Mitstudenten ganz zielsicher auf die Vertreter der Burschenschaft zugingen, in der schon der Vater Mitglied war.

Die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl vom 24. September 2017 zeigen, dass es notwendig ist mehr über den eigenen Hintergrund zu sprechen. Nach dem Wahlerfolg der AfD vor allem in den neuen Bundesländern steht der ostdeutsche Mann ganz im Blickpunkt der Betrachtungen. Eine ganze Heerschar von Journalisten und Wissenschaftlern wird ausgesandt, um ihn zu untersuchen. Sie suchen nach den Gründen für den Wahlerfolg rechter Parteien in der ostdeutschen Provinz. Die BERLINER ZEITUNG fragt bereits am 25. September: „AfD auf dem Vormarsch. Was ist los mit dem ostdeutschen Mann?“. Die Wochenzeitung DIE ZEIT setzt nach und titelt: „Wie konnte aus dem ostdeutschen Mann der Hysteriker der Republik werden?“. DER SPIEGEL versucht es ganz grundsätzlich „Was ist nur mit dem Osten los?“. Die Klassifizierungsversuche vernachlässigen, dass die westdeutschen Wählerstimmen ausreichten, um der AfD im Deutschen Bundestag einen sicheren Platz zu ermöglichen.

Dennoch die Beurteilungen haben Tradition. Als die rechtsextreme DVU 1998 aus dem Stand 12,9 % bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erhielt und damit das bis dahin höchste Ergebnis einer rechtsextremen Partei auf Landesebene erzielte, erlebte ich zum ersten Mal die deutschlandweite Begutachtung. Viele der Erklärungsversuche wiederholten sich mit der Zeit und besitzen einen wahren Kern. Sie finden sich auch in den oben verlinkten Debattenbeiträgen über die Bundestagswahl: Die DDR ist schuld. Die Wende ist schuld. Die Neunziger sind schuld. Helmut Kohl ist schuld. Die SPD ist schuld. Neuerdings sind Angela Merkel und die Flüchtlinge schuld. Der Ostdeutsche ist auch schuld. Am Ende solcher Artikel setzt sich der Journalist in den Zug, falls noch einer fährt, verlässt Neuruppin, Görlitz, Schierke oder Anklam und fährt ins Büro nach Leipzig, Berlin, München oder Hamburg. Zurück bleibt meine Scham über die ostdeutschen Mitwähler.

An diesen wiederkehrenden Rhythmus der Berichterstattung über „den Osten“ kann man sich gewöhnen. Immer nach Wahlen häufen sich diese Beiträge. Ich kann das schon verstehen. Für viele erscheint Sachsen-Anhalt oder Brandenburg zwischen den Landtags- oder Bundestagswahlen langweilig. Leider gibt es keine ostdeutschen Chefredakteurinnen bei den überregionalen Blättern. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht in dieser Interpretationshoheit kulturellen Kolonialismus durch Westdeutsche.

Welchen Einfluss haben solche Beiträge auf meine eigene Suche? Mittlerweile bin ich gänzlich verwirrt. Ich schwanke zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite sage ich mir: Jetzt erst recht mit dem eigenen Hintergrund beschäftigen und nachspüren welche Vorteile oder Nachteile sich daraus ergeben. Auf der anderen Seite wäre es so schön, wieder zum altbewährten Leistungsprinzip zurückzukehren und die Vergangenheit abzuhaken. Ist nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied? Was kümmert mich mein Habitus?

Tatsächlich fordere ich mehr Debatten ein. Doch dürfen sie nicht nur von Journalisten oder älteren Generationen geführt werden. Immer häufiger wünsche ich mir, dass auch wir ostdeutsch sozialisierten Kinder unsere Eltern nach ihrem Tun oder Nichttun in der DDR befragen. Gerade mit Blick auf die europaweit erstarkenden rechtspopulistischen Tendenzen ist notwendig über die Erfahrungen der eigenen Eltern in einem Unrechtsstaat zu sprechen. Nur auf den ersten Blick dient das der Beschreibung des eigenen ostdeutschen Milieus. Auf den Zweiten hilft es Fehler in der Zukunft zu vermeiden.

Über die Erfolge der 68er-Bewegung in der Bundesrepublik kann man unterschiedlicher Auffassung sein, dennoch bestreiten nur wenige, dass die ausgelösten Diskussionen über die Vergangenheit der Eltern im “Dritten Reich“ notwendig gewesen sind. Der Anspruch der Aktivisten war es aus den Fehlern der älteren Generation zu lernen und selbst eine stabile Demokratie aufzubauen. Bei einer ähnlichen Debatte über die DDR interessiert mich nicht: Was habt ihr euch vom Begrüßungsgeld gekauft? Wie lange musstet ihr auf den Trabant warten? Habt ihr im Plattenbau gewohnt? Mich interessiert: Habt ihr an den staatlich organisierten Massendemonstrationen zum Ersten Mai teilgenommen? Wenn ihr gegen die DDR wart, warum konntet ihr eure inneren Überzeugungen so lange zurückhalten? Warum hatte die DDR-Diktatur vierzig Jahre lang bestand?

Roland Jahn ist Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU und war Mitbegründer der oppositionellen Friedensgemeinschaft Jena. In seinem Buch „Wir Angepassten“ aus dem Jahr 2015 heißt es im Klappentext: „Roland Jahn geht es um einen ehrlichen Rückblick ohne Anklage und um eine differenzierte Sicht auf Menschen, die im Takt der Ideologie agierten.“ Ich teile sein Vorhaben, aber Roland Jahn ist auch Vertreter der Generation meiner Eltern. Erstens müssen auch wir uns einmischen und den Diskurs nicht einfach den Älteren überlassen. Zweitens: Was ist falsch an einem ehrlichen Rückblick mit Anklage? Haben sich die 68er bremsen lassen von Forderungen der älteren Generationen nach einer differenzierten Betrachtungsweise ihres Nichtstuns im Dritten Reich? Sicherlich ist die DDR nicht gleichzusetzen mit dem Hitler-Regime. Trotzdem bleibt die DDR eine Diktatur.

Ich bin mir sicher, dass wenn wir die Debatte jetzt anstoßen, nicht nur mehr erfahren über das Land in dem wir leben, sondern auch mehr über uns selbst. Wir sind aufgerufen das Gespräch nicht anderen zu überlassen, sondern sie erst in den Familien und später in der Öffentlichkeit zu führen. Oder um aus dem neuesten Buch von Didir Eribon zu zitieren: „Die Macht der „Familie“ als Ort und Norm der Wahrheit über einen selbst, ja der Wahrheit des Selbst schlechthin […] wirkt selbst dort, wo man glaubte, sie am besten neutralisiert zu haben.“

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