Menschen

Fernes Glück

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Meine Freundin Alice reist quer von Land zu Land und von Stadt zu Stadt. Vor einem Jahr saßen wir in einer Kneipe in Bonn. Sie berichtete mir von ihren neuesten Reiseplänen. „Wonach suchst du eigentlich?“, platzte es aus mir heraus. Eine wilde Diskussion entfesselte sich. Ein paar Monate später stand ich selbst am Flughafen (ich besuchte für ein paar Tage die Ewige Stadt). Am Gate fiel mir eine junge Frau auf, die sich merkwürdig benahm. Als Alice ein Jahr später, einen Beitrag über die Suche nach dem Glück und die Lust am Reisen erfragte, fiel mir die junge Frau am Gate 3 erneut ein. Mein Beitrag dazu findet sich auf alicegreschkow.com.  Der Artikel von Alice wird auf diesem Blog veröffentlicht:

Eisschollen in Nordkanada. Es war das erste Mal, dass ich sie gesehen habe, wenn auch nur aus der Luft. Ich war etwa sechs Stunden unterwegs, zwischen Frankfurt am Main und Mexiko Stadt. Drei Filme hatte ich inzwischen geschaut und langweilte mich nun. In Deutschland wäre es bereits abends, doch es war taghell auf dieser Seite der Erde. Vor mir lagen noch etwa sechs Stunden Flug und ich wusste nicht was mich erwarten würde. Dennoch war ich nicht aufgeregt, sondern freute mich. Es war inzwischen gängig, dass ich allein reiste. Allein? Nein, das trifft es nicht. Inzwischen hatte ich nämlich zwei Dinge gelernt: Erstens – irgendwie kennt und findet man überall sympathische und hilfsbereite Leute und zweitens – man ist nicht wirklich allein, wenn man sein eigener bester Freund ist.

Man sagt mir innere Rastlosigkeit nach, aber der Grund, warum ich immer wieder aufbreche ist ein anderer: Neugier nach Fremden, doch vor allem nach dem Bekannten. Natürlich bringt jede Reise neue Erfahrungen mit sich, man erlebt Kultur und Gesellschaft durch Gespräche, Essen und den Alltag. Das macht Spaß, aber wirklich spannend wird es, wenn sich die Perspektive auf das Altbekannte wandelt. Die Distanz ist vielen ein Feind. Sie sei Trennungsgrund für Paare und ein Hindernis für gute Kommunikation, so heißt es. Inzwischen glaube ich, dass eher schlechte Kommunikation die Distanz madig macht. Ich habe sehr viel Schönes in der Ferne gefunden, denn sie lässt alles kleiner erscheinen – auch einen selbst.

Es ist ziemlich egal, welchen Lebensstil man führt, ob gestresst oder lässig, auf Familie oder Karriere fixiert – sobald man aus der eigenen Routine raus ist, erkennt man, was zu Haus lästig ist, aber auch was man vermisst und schätzt. Und das aufrichtige Gefühl des Vermissens tilgen auch keine 10.000 Kilometer. Es sind meist kleine Unterschiede im Alltag, die dafür sorgen, dass man sich fern fühlt oder die Distanz nicht merkt – die Art, den Tag zu organisieren, der Fahrstil der Einheimischen, ihre Sprechgeschwindigkeit. Was man aus den Unterschieden macht, liegt einem selbst überlassen. Regelmäßig wird man vor scheinbar banale Fragen gestellt wie „Esse ich das dubios aussehende Gericht, von dem mir alle versichern, dass es köstlich sei?“ oder „Folge ich dem hilfsbereiten Fremden auf der Suche zum Restaurant durch eine unbekannte Abkürzung?“ Oft denkt man dann an  zu Haus und gleich im Kopf die Unterschiede ab und merkt, dass man die Freiheit hat, sich vollkommen anders zu verhalten als sonst.

Die Herausforderung, seine eigene comfort zone zu verlassen, verändert. Sie macht mutiger, umsichtiger, ruhiger – nachdem man sich immer wieder bewiesen hat, dass man jede neue Situation meistern kann, vertraut man sich selbst viel mehr. In der Entfernung hat man eine Denkart, die fern von der Realität zu Hause stattfindet, es sind andere Sorgen, die einen plagen, es sind andere Entscheidungen. Früher oder später kommt man an den Punkt, an dem man nicht mehr so einfach zum Altbekannten zurückkehren kann. Manche Freunde von früher haben inzwischen vielleicht geheiratet, andere ein Startup gegründet – das Leben geht immer ohne einen selbst seinen geregelten Lauf.

Während man langsam beobachtet, dass die Uhren zu Haus anders – meist schneller – ticken, kommen die schönsten Erkenntnisse: man war die ganze Zeit so fern, um sich selbst näher zu kommen und auch denjenigen, die einen trotz der zeitlichen und räumlichen Entfernungen schätzen. Die guten Freunde oder die Familie vergessen einen nie, genauso wenig wie man sie vergessen hat. Allein schon das Bewusstsein darüber, wer man ist, auf wen man sich verlassen hat, welche Entscheidungen man gefällt hat und welche Fehler man beging, entschädigt für die Erschöpfung, die das Reisen mit sich bringt. Manche reflektieren diesen Weg indem sie darüber sprechen, anderen fällt es beim Reisen auf, so wie mir als mein Blick über Kanadas eisige Landschaft schweifte. (Text von Alice Greschkow)

Artikel: Heute hier, morgen dort (von Eric Makswitat)
Bild: Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0, flickr.com).

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