Bücher Menschen

Auf und Ab

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Einer dieser Lieblingsorte stirbt. Der Prozess ist nicht aufzuhalten. Schon löst er sich auf. Der Buchhändler meint es ernst. Muss es ernst meinen. Sein Laden schließt – in drei Tagen schon. Selbst hat er es vor zwei Tagen vom eigentlichen Inhaber erfahren. Mich interessieren die Gründe und sein Schicksal. Er denkt über ein eigenes Geschäft nach. Doch welche Bank gibt Buchhändlern heute noch Kredite? Bücher werden über das Netz verkauft, vorab sortiert nach Fünf-Sterne-Bewertungen. Das klingt arg kulturpessimistisch, doch in mir ist der Verlust groß. Während andere Buchhandlungen die Handschrift des Besitzers allzu deutlich nach außen kehren oder gar keine Handschrift aufzuweisen haben, oblag es diesem kleinen Geschäft, oblag es diesem Meister seines Fachs, Bücher in die Auslage zu legen, die allein für mich da waren. Niemand sonst kaufte diese Bücher. Das stimmte zwar nicht, aber ich bildete es mir ein.

Fernab der drögen Wissenschaftsprosa, der ewig gleichen Bestseller und Aufklärungsabhandlungen, bot der unscheinbare Laden vor eindrucksvoller Kulisse die Welt der wahren Literatur auszubreiten. Michel de Montaigne hatte seinen Turm, in den er sich zurückzog, um das ewige Auf und Ab durch gemauerte Beständigkeit zu ersetzen. Dort las er und schrieb wundervolle Essays über die Kunst das Leben zu lieben. Mir diente die Buchhandlung als Rückzugsort, an dem das Außen außen blieb. Im Innern erwachte dagegen die konzentrierte Neugier. Der kleine Raum – vollgestopft mit Bücherwissen. Sich dort auf die Suche zu machen, konnte tatsächlich von Erfolg gekrönt sein. Nicht der Zeitgeist regierte, sondern die Lust an der Entdeckung – befördert durch die geschickt platzierten Kommentare und Hinweise des Buchhändlers. Solche Orte und die mit ihnen verschmolzenen Personen werden rar. Umso schmerzlicher der Verlust.

Bild: Sascha Erni | CC BY 2.0

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