Nachname

Archivierte Zukunft II/II

+++ Anmerkung vom 22.11.16: Dieser Blogpost erschient zu einem Zeitpunkt als ich noch Eric Makswitat hieß. Mittlerweile habe ich geheiratet und heiße Eric Mülling. Selbstverständlich bin ich weiterhin stolz auf meinen alten Nachnamen. +++

Es kommt Bewegung in das Spiel der Namen, Orte und Geschichten. Ein Fieber hat mich befallen, denn nun müssen Erkenntnisse an das Tageslicht befördert werden. Ich beschließe nach Berlin zu reisen. Während sich die Landschaften am Fenster meines Zugabteils stetig abwechseln, geht der Blick in vergangene Epochen.
Der Junge streift sich das braune Laibchen über. Schließt die Tür hinter sich. Er würde nicht zurück kommen. Das stand nun fest. Er geht den Hügel hinauf, blickte kurz auf den für seine „unreine“ Mutter errichteten Katen, mit Lehmfußboden und Kienspanbeleuchtung, am Rande des Dorfes. Mit wie viel Abscheu die anderen Dorfbewohner sie beäugten und ihre verstohlenen Blicke austauschten. Er hatte darunter zu leiden. Hier gab es nichts mehr für ihn. Äcker, triste Wälder die zu Sperrholz verarbeitet wurden, dunkle tiefhängende Wolken …

Berlin

Bethaniendamm 29. Ja, hier müsst es sein. Ich gehe den steinernen Weg hinauf zum Evangelischen Zentralarchiv. Zum Glück habe ich mir einen Termin geben lassen und kann sogleich die Wartehalle durchqueren und auf ein mir zugewiesenes Büro zusteuern. Es begrüßt mich eine verständige Genealogin: „Guten Tag, Herr Makswitat, bitte nehmen sie doch Platz“ und zeigt auf einen freien Platz ganz in der Nähe ihres Schreibtisches. Sie erklärt, dass das Zentralarchiv eigentlich nur Zugang zu den Mikrofilmen der Abschriften der Kirchenbücher schafft. Danach sieht sie mich lange an. „Was wollen sie eigentlich genau herausbekommen?“ Ich antwortete, dass ich so weit wie nur irgend möglich in meiner Familiengeschichte zurück gehen möchte. Geburtsorte, -daten, Berufe, Geschwister … etc. Sie schaut mich wieder eine längere Zeit an, steht dann auf und sagt: „Kommen sie mal mit!“. Ich staune nicht schlecht als wir einen Raum mit hohen, silbernen Regalen betreten. „Das sind die Originale“, sagte ich laut! Ein kurzes „Ja“ folgte. Die Detektivarbeit konnte beginnen.

Taufnachweis von Karl Makswitat
Taufnachweis von Karl Makswitat

Die Genealogin reicht mir ein schweres Kirchenbuch. Wir blättern darin. Dank ausgeklügelter Namens- und Inhaltsregister des Zentralarchivs findet sich der Eintrag Karl Makswitat relativ schnell. Ich berühre die Eintragung. Fahre die Schriftlinien ab. Ein besonderer Moment. Es findet sich in einem anderen Verweis die Bemerkung das Karl unehelich geboren ist, aber auch eine Sensation … der Name seiner Mutter! Henriette. Henriette Makswitat. Zwei Eintragungen darunter findet sich der Taufnachweis der etwas später geborenen Tochter des Gutsherren Rudolf Pohlent (Ritter) von Dundeln. Zwei Jahre nach der Geburt von Karl tritt dieser Gutsherr aus der Landeskirche aus. Die Gründe werden nicht aufgeführt. Hier wird doch nicht ein unehelicher Sohn eine Rolle gespielt haben?

Onusas und Dorothea

Wir konnten in weitergehenden Untersuchungen die Taufe von Henriette Makswitat vom 10.10.1849 ausfindig machen. Geboren im Ort Lesgewangminnen (das liegt auch in der Region Budwethen). Ein Todesdatum der Mutter taucht nicht in den Kirchenbüchern der Region auf. Entweder ist sie weggezogen oder in den Wirren des ersten Weltkrieges wurde eine Eintragung in das Kirchenbuch von Budwethen versäumt. Ich bin enttäuscht, ein Grab der Henriette Makswitat, lässt sich damit nicht finden. Doch dann taucht in anderen Originalen, genauer in der Taufurkunde von Henriette, auch die Namen ihrer Eltern auf. Onusas Maxwitat (nicht mit ks, sondern mit x geschrieben) und Dorothea Zydat. Onusas war von Beruf Kutscher und ward im Jahr 1817 geboren. Dorothea ist im Jahr 1825 geboren. Geheiratet haben sie am 9.11.1848. Weitere Vorfahren sind nicht eingetragen, aber nachdem ich Kopien der Urkunden vornehmen konnte, sollten Recherchen und Auskünfte eine interessante Information zur Geschichte litauischer Namen hervorbringen.

Demnach litauische Nachnamen u.a. auf -at, -ait, -eit oder -ies enden. So sind Litauer im 18. Jahrhundert verstärkt in das nordöstliche Preußen eingewandert und gaben ihren Kindern, vor allem im 19. Jahrhundert, deutsche Vornamen. Nur kennt das Litauische kein H, F, X oder W. So kann aus einem Maximilian und dessen Kurzform leicht ein Maks werden. Der Herr Professor scheint mit seiner Feststellung Sohn des Max sehr richtig gelegen zu haben.

Erkenntnis

Nach Onusas war Schluss. Danach ließ sich keine weitere Information aus den Beständen des Archivs herausfiltern. Die Vermutung liegt nahe, dass die Makswitats erst mit Onusas in die Region Budwethen kamen. Doch ich verspüre keinerlei Traurigkeit darüber, dass ich nicht noch weiter in die Vergangenheit blicken kann. Die Geschichte meiner Vorfahren verliert sich hier, doch ich kann nun stolze 200 Jahre meiner Familiengeschichte überblicken. Ich danke der Genealogin, verlasse das Archiv und danach Berlin.

Der Zug trägt mich zurück. Lässt die Geschehnisse verschwimmen. Ich bin froh über die Entwicklungen ein kleines Licht in den dunklen Gassen der Geschichte der Familie Makswitat entdeckt zu haben. Mein Fieber scheint überwunden, mit neuer Kraft, im Bewusstsein der Generationen, steht nun die Zukunft.

Er schwang sich mit einem gewaltigen Ruck auf den Kutschbock. Der Mann neben ihm würdigte ihn keines Blickes, schnalzte nur mit der Zunge und trieb die Pferde voran. Karl fühlte nichts. Königsberg war nun das Ziel. Sie passierten schmale Wege an dessen Seiten nur Linden standen. Auf ihrer Fahrt begegneten sie keinem Menschen. Nur einmal, da kam im schnellen Galopp der alte Pohlent der Kutsche entgegen und ritt zurück nach Dundeln. Dorthin, wo nichts mehr war …

Teil 1

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